(ca. 2016)

Der magische Viertelfant

 

Erstes Erscheinen

 

Die alte Uhr von Oma schlug Viertel vor Vier, als Valentin aus seinem Kleiderschrank im Kinderzimmer ein merkwürdiges Rumpeln vernahm. Es war Sonntag, er saß leider am Schreibtisch und erledigte noch seine Biologie-Hausaufgaben für morgen. Zunächst glaubte er, sich verhört zu haben. Vielleicht war nur sein Fußball-Trikot vom Bügel gerutscht. Er las weiter in seinem Buch.

 

Plötzlich ein lautes Räuspern aus dem Schrank. Erschrocken sprang er vom Stuhl auf, unsicher, ob er sofort in den Schrank schauen sollte, oder ob ihm nicht seine Schwester wieder einen Streich spielte? "Hanni, komm da raus!" rief er, doch keine Antwort, kein leises Kichern aus dem Schrank. Seine Schwester verriet sich nämlich andauernd selbst, wenn sie in den erstaunlichsten Verstecken saß.

Wieder räusperte sich der Schrank. Valentin ging mit entschlossenen Schritten auf den Schrank zu, öffnete die Tür und - wurde von Etwas in das dunkle Innere des Schranks gezogen!

 

"H...h...hey?!" entgegnete er noch, bevor er sich zwischen seiner Bekleidung auf dem Schrankboden sitzend wiederfand. Etwas Lebendes schien im Schrank zu wohnen. Vielleicht doch nur seine Schwester?

"Wer bist du?" fragte Valentin ziemlich ängstlich in die Dunkelheit. Gleichzeitig war er ziemlich neugierig!

"Ich bin ein Viertelfant" entgegnete das Etwas aus dem Dunkeln. "Was ist das?" fragte Valentin. 

Auch wenn er nicht so schlecht in Bio war, von einem Viertelfant hatte er noch nie etwas gehört. 

 

Viel später 

 

Gerade über den Physikaufgaben gebeugt, hörte Valentin wieder das Rumpeln aus dem Kleiderschrank. Was für ein Glück, dass seine Schwester gerade aus dem Raum war. Er sprang auf und schlüpfte in den Schrank.

"Hey, weißt du, was ich mir überlegt habe?", und ohne eine Antwort abzuwarten, "Ich möchte dich doch mal sehen...!"

"Ich bin unsichtbar", erwiderte der Viertelfant. 

"Eben. Und ich könnte Licht machen" - "Ich bin unsichtbar! Du im übrigen auch..." 

"Ja, aber wenn wir beide unsichtbar sind hier drinnen, dann könnte ich vielleicht Licht machen, damit es nicht so dunkel ist?" Valentin ließ nicht locker. "Es ist nicht nur dunkel hier, sondern wir sind nicht sichtbar. Wie durchsichtig. Wie willst du etwas beleuchten, was durchsichtig ist?"

Das war eine gute Frage. Dennoch ließ Valentin die Licht-ins-Dunkle-Bring-Sache keine Ruhe.

"Ich könnte eine Kerze holen!" schlug er vor.

"Was?? Hier in den Kleiderschrank? Bist du wahnsinnig?" rief der Viertelfant entsetzt.

"Wieso? Sehe ich dich dann?" - "NEIN! Aber deine Bekleidung fängt Feuer!"

"Aber würde die Kerze nicht auch unsichtbar, so wie ich im Schrank" entgegnete Valentin.

Der Viertelfant schien zu grübeln: "Hm. Ja, aber...."

Valentin sprach aufgeregt: "Wie soll denn eine unsichtbare Kerze mit einer unsichtbaren Flamme unsichtbare Kleidung...?"

"Moment! Deine Kleidung ist nicht unsichtbar. Erinnerst du dich?" sprach der Viertelfant erinnernd.

 

Valentin dachte nach. Stimmt, vor ein paar Wochen saß er im Schrank, da kam seine Schwester ins Zimmer. Der Viertelfant flüsterte ihm da ins Ohr, dass er ganz ganz leise sein soll, und wenig atmen. Seine Schwester rief im Zimmer herum: "Valentin, hast du dich wieder versteckt? Wo bist du? Ich habe dich doch vorhin hier reingehen sehen!" Valentin lief im Schrank rot an, und er schwitzte. Gut, dass es niemand sah! Plötzlich riss die Kleiderschranktür auf. Er sah seine Schwester und es passierte - Nichts! Seine Schwester sah in einen leeren Kleiderschrank, oben hing nur die Kleidung an der Stange, sonst war alles leer. Valentin lauschte, bis sie wieder die Tür schloss und aus dem Zimmer war. Dann atmete er laut hörbar auf. Puh, war das knapp!

 

Nach der kurzen Erinnerung knüpfte er wieder ans Gespräch an: "Aber wie kann ich mit einer unsichtbaren Kerze meine Kleidung anzünden?" Der Viertelfant schüttelte vermutlich energisch den Kopf. Valentin sah die Sache auch ein. Seine Mama wäre auch sicher nicht so begeistert, wenn in seiner Kleidung plötzlich kleine Brandlöcher wären!

 

"Dann nehme ich eine Taschenlampe!", sprach er sehr überzeugend. "Auch eine Taschenlampe bringt nichts", erwiderte jedoch der Viertelfant. "Ich versuch's trotzdem!" Valentin stürmte mit einem Satz aus dem Schrank. Drei Sekunden später, weil er sich die Taschenlampe schon mal irgendwann auf den Boden neben den Schrank gelegt hatte, sprang er wieder herein. "Bist du noch da?" fragte er in die Dunkelheit. "Ja. Schnell, beeile dich! Es ist gleich Viertel nach!"

 

Valentin hielt die Taschenlampe in der Hand, er hatte sie schon draußen eingeschaltet, sie leuchtete also, als er in den Schrank stieg. Nun war alles dunkel, er sah kein Licht. Es war sogar so schwarz, dass er nicht einmal seine Hände erkannte. Ein bisschen genervt war er schon inzwischen von der Dunkelheit und dem beengten Sitzen. "Warum müssen wir eigentlich immer hier im Dunkeln sitzen?"

"Musst Du nicht!" sprach der Viertelfant. "Dann können wir auch aus dem Schrank heraus?" "Das geht nicht", entgegnete der Viertelfant.

"Warum? Ist es nicht egal, wo du unsichtbar bist?" fragte er den Viertelfant, der antwortete: "Ich existiere nur im Dunkeln".

 

Valentin kratzte sich am Kopf und wurde nachdenklich. Ich könnte das Rollo herunterlassen, aber warum war der Viertelfant trotzdem noch nie nachts erschienen? Immer nur am Tag, im Hellen, immer nur im Schrank. Vielleicht herrschten in seinem Kleiderschrank die perfekten Dunkelheitsverhältnisse? Er war nicht ganz von seiner Theorie überzeugt. "Warum ist das so? Das verstehe ich nicht."

"Magie."

 

Sprach's, und verschwand pünktlich um Viertel nach.

Valentin saß noch etwas im Schrank. Dann kroch er heraus, legte die immer noch oder jetzt wieder leuchtende Taschenlampe wieder an ihren Platz, und setzte sich zurück an den Schreibtisch, an die Hausaufgaben. Keine Minute später stürmte seine Schwester herein. Perplex stand sie im Türrahmen: "Wie bist du hier reingekommen?" Valentin war ganz erstaunt und sagte: "Ich war doch gar nicht weg?" "Ja, klar. Ich habe eine halbe Stunde auf dich gewartet, auf der Treppe. Sag', wo warst du? Wie bist du reingekommen?"

 

Valentin zuckte die Schultern, wandte sich desinteressiert ab, beugte sich extra tief über seine Physik und murmelte: "Magie".

 


Falsch verbunden

 

 

Flohmarkt. Köln. 2017.

Das altmodische Ding passte eben noch so in die letzte halbleere Kiste im Auto,

das vollgepackt war von den seltsamen, fast schmiedeeisernen Errungenschaften aus einem Land vor unserer Zeit:

Ein sehr hübsches (prä)historisches Telefon, gefühlt aus dem 18. Jahrhundert, als das fernmündliche Gespräch erfunden wurde, hölzerne Andenken, wie eine kleine Kommode mit Löwenfüsschen, und andere schaurigsschöne Accessoires, wie ein silberner Handspiegel, der sich in fast jedem klassischen Geisterhaus(halt) befinden sollte.

 

Die Spiegelfläche war einmal zersplittert und offensichtlich unfachmännisch verklebt, so als wäre sie einmal vor dem Anblick seines vorigen Besitzers erschaudert. Letztlich bleibt ungewiss, was ein Gebrauchtspiegel schon alles sehen und ertragen musste. Beim Kauf eines solchen Spiegels sollte man sich also vor der Vergangenheit in Acht nehmen. Möchte man unbedingt einen solchen Spiegel im Schlafzimmer gegenüber dem Bett (wovon laut Feng Shui sowieso abzuraten ist), worin sich in einem früheren Morgen in einem altmodischen Badezimmer eine alte Dame frisiert hat, die jetzt inzwischen bei den Verwandten spukt? Möchte man einen Spiegel im Flur gegenüber der Haustür (wovon laut Feng Shui abzuraten ist), ist dem sich zufällig um Mitternacht ein leeres Schaukelpferd spiegelt, obwohl man gar kein solches Schaukelpferd besitzt, geschweige denn ein Kinderzimmer, ja nicht einmal Kinder hat? Möchte man im Bad einen altertümlichen Frisierspiegel, der zeitweise (immer zufällig dann, wenn es zu Stromschwankungen kommt und die Glühbirnen flackern) eine leere Eingangshalle reflektiert, in der urplötzlich aus dem Nichts ein Mörder ein langes Messer zückt, welches blutverschmiert kurz im Mondschein aus der Dunkelheit hervorblitzt? Und möchte man sich währenddessen rasieren?

 

Was ist mit all diesen alten Radios, die noch die Welle haben, indem scheinbar Außerirdische kommunizieren, oder indem ungefragt, ausschließlich nachts, Klaviermusik oder Kindergesang ertönt? Nein, das alles möchte man nicht!

 

Aus diesem Grund habe ich mir die kleine Kommode gekauft. Das ist was Bodenständiges. Der Handspiegel ist ein Geschenk für eine Verwandte.

 

Das Telefon war ein Zufallsfund. Ich bin schon sehr lange auf der Suche nach einem glamourösen Telefon mit Chic. Als einen Gag möchte ich es für jedermann sichtbar in meinem Haus aufstellen. Natürlich habe ich ein Festnetztelefon auf dem neusten Stand der Technik in meinem Arbeitszimmer. Ein high-end-design-phone, mit dem man sogar telefonieren kann. So richtig sprechen. In die Muschel. Und man hört Töne. Antworten. Gespräche (so nennt man es, wenn beide reden).

Das altmodische Telefon war im Lack schwarz-silber, mit Wählscheibe. Es war ziemlich athletisch gebaut, wohlgeformte Proportionen. Der ausladende, schwere, aber zugleich schlanke Hörer lag gut in der Hand und ruhte bei Nichtgebrauch auf einer zierlichen Gabel, die ihrerseits über dem Mittelbau mit der Wählscheibe thronte. Auch an diesem Telefon waren lustige Füßchen montiert. Ich mag diese Füßchen. Sie geben den Dingen eine dynamische Individualität.

Ich hatte das Telefon erst einmal nur aufgestellt. Ohne Anschluss. Ein Telefon ohne Anschluss ist ähnlich zweckmäßig wie eine Schere ohne Klinge. Mit den Wochen ergaben sich einige natürliche Zweckmäßigkeiten. Zum Beispiel fand es eine kleine Spinne sehr zweckmäßig, zwischen dem Hörer und dem restlichen Apparat ein kleines Netz zu bauen. Nicht, dass es sich bei mir lohnte, als Spinne zu wohnen. Das Netz entfernte ich jedes Mal beim Staubwischen. Manchmal hatte ich schon Mitleid mit dem kleinen Geschöpf. Eines Tages, nach einer Art Fastenzeit des Staubwischens, war es zu einer festen Instanz geworden, das Festnetz auf dem nicht verbundenen Telefon. Ich wartete gespannt auf die Telefonrechnung.

 

Eines morgens, ich war noch so verschlafen, dass ich dachte, ich träume nur, klingelte der neue Apparat. Er klingelte nicht, er läutete mich förmlich aus dem Schlaf. Ich torkelte schlaftrunken in mein Arbeitszimmer. Dort klingelte eigentlich gar nichts, dann erst in meinem Gedächtnis. Das neue Telefon! Ich schwankte die Treppen herunter. Ungläubig starrte ich es einige Sekunden lang an. Es klingelte tatsächlich! Mit der Spinne pokernd, ob ich abheben sollte oder nicht, hob ich doch vorsichtig den schweren Hörer von der Gabel und –

 

Da war diese fremde Stimme. Nicht die von der Zeitansage. Eine andere. Sie kannte meinen Namen und meine Adresse. Mir wurde heiß und kalt. Kalt und heiß. Bald klebte der Schlafanzug am Rücken, wo mir ein Rinnsal kalter Schweiß aus dem Nacken herunterlief. Mir schien, als beginne der Boden zu vibrieren. Oder war es mein Zittern?

Zum ersten Mal bemerkte ich, dass das Holzparkett knirschte. Ich bemerkte außerdem, dass sich die Gardinen vor den geschlossenen Fensterscheiben bewegten (schlecht für die Heizkostenabrechnung!) und kalte Luft um meine Füße strömte. Unheimliche Stille um mich und das Telefon.

Eine Stimme wiederholte im Stakkato „Hallo, sind Sie noch dran?“ War ich noch dran? Wo war ich dran?

Ich flüsterte eine Bestätigung in den Hörer. „Hallo! Ihre Telefongesellschaft möchte Ihnen gerne einen Vertrag anbieten!"

Ein Knacken, ein Rauschen, unterbrach die Frau von der Telefonanstalt. Dann ein seltsames Gesäusel und plötzlich eine kratzige, alte Frauenstimme: „Rachel? Bist Du noch dran?“

 

Ich sprang einen Satz weg von diesem Unding. Rachel, wer ist Rachel? Wer ist Rachel? tönte es in meinem Hirn. Ich kannte keine Rachel. „Falsch verbunden, Madame!“ rief ich gegen das Rauschen und Knirschen in den Hörer. Dann plötzlich war die Leitung ganz klar und die Dame aus der Telefonverbesserungsanstalt war wieder dran, kristallklarer Klang. Sie wiederholte jetzt einen anderen Namen. Sie sind doch Rachel D.? Nein, Entschuldigung, das muss eine Verwechslung sein. Ich sagte laut und deutlich „Falsch verbunden!“ für alle Anrufer, Parallelanrufer, und besonders für mich. Und legte auf. Und stellte nochmalig fest, dass das Telefon ja nicht verbunden war, weil es gar keine Kabel mehr hatte.

 

Plötzlich ein lautes beep-beep-beep. Mein Wecker! Meine Hand schlug nach rechts aus, wie ferngesteuert und stelle um auf snooze. Wie vom Blitz getroffen, setzte ich mich auf. Ich lag noch im Bett! Mein Morgenmantel lag noch gefalten auf einer Ablage. Ich atmete tief durch und lachte mich selbst aus. Alles nur ein Traum! Ein fieser Traum, aber nichts weiter!

 

Als ich schon halb auf der Treppe war, um mir unten in der Küche Frühstück zu machen, fiel mein Blick auf etwas Weißes auf der Ablage neben dem neuen alten Telefon. Beim Näherkommen stellte ich erst erleichtert fest, dass es kein Spinnenkokon war.

Danach bemerkte ich, dass es sich um ein Zettelchen handelte. Im Traum hatte ich nichts geschrieben. Was konnte es sein?

 

Ich stieg herab und drehte den Zettel um.

„Rachel sucht dich“ stand dort in roten Buchstaben geschrieben.