Andermal (2018)

 

Plötzlich Zeit haben, ohne Zeit haben zu wollen. Von Fenster zu Fenster gehen, sich verloren fühlen. 

Unternehmenslustig sein ohne Unternehmungslust. Graue Theorie. Was man alles tun könnte! Was man schon lange mal wieder tun wollte! Die Macht der Möglichkeiten verspüren, sie auf der Zunge zergehen lassen. Ungenutzt. Wie kochen ohne Hunger.

Sind es doch nur Zwänge? Die Zeit nutzen? Wenn man sie schon mal hat? Selbstzeitoptimierung.

Der Regen prasselt gegen die Fenster. Es ist sogar gemütlich, wenn das noch erlaubt ist. Tagsüber. Am hellichten Tag. Im Sommer. Ungeschäftig. Man müsste die Spülmaschine umräumen. Man könnte alternativ etwas Kreatives tun. Musik hören könnte man. Aber der Klang der Stille ist schon ein herrliches Konzert, endlich mal Ruhe!

Nichts reden müssen, nichts sehen müssen, nichts hören müssen! Von unten dudelt der Fernseher.

Dem Drang widerstehen, von zuhause zu konsumieren. Onlineshop, noch mehr Nachrichten, die Freunde im Smartphone. Scheitern am Nicht-Kommunizieren. Die Stille mit nonverbalen, digitalen Gesprächen füllen, die Stille zerdenken. Warten, dass das Telefon klingelt und hoffen, dass es nicht klingelt.

Den Raben lauschen, nassen Raben, die von Weitem auf der Kiefer aussehen wie Zapfen. Rabe sein wollen und fliegen. Denken, zuviel denken, was man alles machen könnte, wenn man wollen würde. Andermal.

Bin heute Welt-off.


Immer diese viele Werbepost...

 

(2007)

 

Deutscher Desinteressenverein e.V.

Herr Des-Cartes

Dessau

 

Sehr geehrte Frau X,

 

wir bedanken uns herzlich für Ihr Desinteresse an unserem Deutschen Desinteressenverein e.V. mit Hauptsitz in Dessau. Damit Sie eine möglichst gute Desillusion von uns erhalten, liegt diesem Brief keine Informationsbroschüre bei.

 

Unsere Desorganisation vereint die Desinteressen unserer desillusionierten Mitglieder und fördert intensive Desintegration und Desorganisation im Kreis Dessau. Wir sind erfreut, dass Sie diese erstrebenswerten, destabilisierenden Ziele auch in Ihrer Heimatstadt vermitteln möchten.

 

Wir freuen uns sehr, wenn Sie weitere Desinteressenten werben. Auch und vor allem junge Desinteressierte sind willkommen!

Für Rückfragen steht Ihnen jederzeit unsere designierte, desinteressierte und desintegrierte Sekretärin Frau Nie-Da (Tel. Durchwahl -0815) zur Verfügung.

 

Der Vorsitzende unseres Vereins ist Herr Des-Cartes, er verwaltet die zahlreichen Desinteressen unserer Mitglieder.

 

Desinfizieren Sie sich für unsere Sache! Werden auch Sie desperates Mitglied eines zukunftsträchtigen Vereins!

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Marga Quark

(Sekret. i.V.)


(2006)

Die Unmöglichkeit des Einfachen

 

Durch Gassen lief er, scheinbar gehetzt, ruhelos, fragend. Er wusste nicht, woher und wohin, lief Tag und Nacht, unbewusst hastend durch alle Gehirnwindungen, suchte, inzwischen stark der Verzweiflung nahe, die passende Formulierung, um das Besondere auszudrücken. Er lehnte sich zurück, in den bequemen braunen abgewetzten Ledersessel, der daraufhin einen ächzenden Laut von sich gab. Sich bemühend, die Augenlider offen zu halten, suchte er den Satz der Sätze, den er so mühevoll kaum über die Lippen brachte. Ein klangvoller, ästhetischer Wortlaut sollte es sein, kein Allerweltssatz, etwas individuelles, etwas nachdenkliches, keinesfalls langweiliges, eher philosophisch angehauchtes, aber keineswegs langatmig ausgedrücktes, kurzes und prägnantes, das Ideal von einem Satz eben.

 

Wieder und wieder starrte er zwischen dem leeren, andächtig daliegenden, aus feinem Papier bestehenden Briefbogen, welcher aufforderungsvoll vor ihm auf dem Tisch lag, und einer kleinen Uhr, die ebenfalls auf dem Schreibtisch stand, hin und her. Er führte seine Hände zur Brille, legte diese beiseite, um sich kurz und heftig mit den Handrücken die müden Augen zu reiben, unterdrückte dabei ein intensives Gähnen, worauf sich sein Gesicht zu einer komischen Grimasse verzog. Er ermahnte sich, nicht ins Bett zu gehen, bevor dieser wichtige Satz geschrieben war. Zeitweilig war nichts anderes zu hören als das Ticken jener Uhr und auf dem Zifferblatt lief beständig der Minutenzeiger.

 

Der Schein der Schreibtischlampe warf seltsame Schatten in den Raum. Auf dem Bücherregal, worin die Bücher nicht nur nach Themen, sondern auch nach Größe geordnet waren, erkannte er den Schatten seines Selbst. Die Buchrücken, teils staubig und sehr alt, drückten sich aneinander, und das Regal sah aus, als wollte es jeden Augenblick auseinander bersten, so voll gestopft mit literarischen Werken war es, dass die örtliche Bibliothekarin vor Neid erblassen würde. Zurückgelehnt, intensiv nachdenkend, betrachtete er alle möglichen Gegenstände des Raumes, als hoffte er, darin eine Antwort zu finden. Nein, dies sei kein guter Zeitpunkt zu schreiben, besann er, und plante, in die Küche zu gehen, um den Leib zu stärken. Er erhob sich aus dem bequemen Ledersessel, den er schon einige Male als Schlafplatz missbraucht hatte, fühlte sich etwas benommen, schwankte ein wenig, als habe er getrunken, wusste dennoch zu gut, dass sich soeben sein Kreislauf meldete, und nachdem er hastig zwei Gläser sprudelndes Mineralwasser hinuntergespült hatte, fühlte er sich gleich wie neu geboren, als stecke in jener Mineralwassermarke der Urquell des Lebens. Er nahm sich vor, wie so oft, weniger Kaffee und mehr Wasser zu trinken, seiner Gesundheit zuliebe, nicht wegen des guten Geschmacks, im Grunde verabscheute er Mineralwasser. Doch jetzt, zu später Stunde, oder genauer, zu früher Stunde - es musste lang nach Mitternacht sein, fühlte er sich frisch und munter.

 

Er dachte, nun werde ihm bestimmt die richtige Formulierung einfallen. Kaum saß er jedoch wieder in seinem knautschigen Sessel, beschlich ihn das Gefühl, nichts zu wissen. Die Bücher lauerten nun in ihren Regalen, gespickt mit Wissen, ja drohend blickten sie auf ihn nieder, er erwartete ihre erhobenen Zeigefinger, die sie dürr wie eine Knochenhand zwischen den Seiten herausstrecken würden, er fühlte sich klein und die erfrischende Wirkung des Mineralwasser war plötzlich verflogen, ermattet hing er in seinem Ledersessel. Vor seinen Augen verschwammen der Briefbogen und die Uhr zu einem drehenden Wirbel, es war höchste Zeit, schlafen zu gehen, und das Ticken der Uhr schallte in seinen Ohren, die Bücherregale schienen sich nun zu ihm herunter zu neigen, die Schreibtischlampe flackerte und er empfand seine dunkle, private Bibliothek plötzlich als unheimlich. Buchstaben schienen aus den Büchern zu kriechen, um vor seinem geistigen Auge eine Parade zu veranstalten, tausenden von Gedanken durchflogen sein Hirn, er nickte kurz ein, um einen Traum zu träumen, an den er sich nach dem Aufwachen nicht erinnern würde, seine Liebste sah er, die rittlings auf einem L saß und darauf um den Blocksberg schwebte.

Die gesuchte Formulierung hatte er dabei auf den Lippen, gerade wollte er sie ihr zurufen, als sie über seinem Kopf herumflog, doch da erwachte er und wusste von nichts, von keinem Traum, nur, dass er wohl kurz eingenickt sein müsse. Doch dann, nach einer Weile, ein Aufleuchten in seinen Augen verriet seine innere Spannung, eine Idee, die Erleuchtung nach Mitternacht überkam ihn, wozu solle er in Rätseln schreiben, dachte er, sich umständlich ausdrücken? Ein entschlossener Ausdruck überzog sein müdes Gesicht. Er rückte erneut den Briefbogen zurecht, wie ein Prüfling vor der alles entscheidenden Abschlussprüfung, zupfte an seinem weißen, inzwischen stark zerknitterten, bügelfreien Hemd, nahm entschlossen seinen Füllfederhalter auf, lehnte seine rechte Hand schreibbereit auf das hochwertige Büttenpapier und schrieb in altertümlichen, geschwungenen Buchstaben „Ich liebe dich“ nieder.